Samstag, 29. Oktober 2011

Erleichtert leben

Abwasser belastet die Umwelt und muss entsprechend besteuert werden. Deshalb ist klar, dass ich für den Liter Mineralwasser, den ich auf der Fahrt nach München konsumiere zwar nur 39 Cent berappen muss, der zwangsweise Boxenstopp auf dem Rasthof mein Budget dafür aber mit 70 Cent belastet. Leider wird auf die Umwelt nicht überall gleichermaßen Rücksicht genommen. So findet man hier in Seoul an jeder dritten Straßenecke eine öffentliche Toilette, die ist kostenlos und dazu auch noch sauber! Das gilt für die Häuschen in den kleinen Parks und in der U- Bahn - jederzeit. In deutschen Käufhäusern findet man stets die Beschilderung zur Kasse ohne Brille doch man ist gezwungen, eine Verkäuferin nach dem schnellsten Wege zur Entladestation anzusprechen. Das ist unangenehm, schließlich unterbricht man die Dame ungerne im angeregten Gespräch mit dem Kollegen. Es hat sich bei Warenhausketten offenbar noch nicht herumgesprochen, dass auch die Erledigung von Geschäften ein Wohlfühlfaktor für den Kunden darstellt. Jedenfalls geniesse ich in Seoul den barrierefreien Zugang zu gepflegten Austritten und habe mein eigenes Fahrradschloss selbstverständlich stets griffbereit.  

Dienstag, 25. Oktober 2011

Doing business


Wenn ihr in nächster Zeit den Schritt in die Selbständigkeit plant, solltet ihr den "Doing Business" Report der Weltbank aufmerksam studieren. Es überrascht mich nicht, dass sich Korea als aufstrebende Wirtschaftsmacht in der Statistik derzeit besser stellt, als der alte Mann Deutschland (Rang 16 versus 22/ Weltbank-global-reports/doing-business-2011/ Rangliste auf Seite 12). Demzufolge ist die Wertung für grenzüberschreitenden Handel und Baugenehmigungen für Korea recht gut. Das müsste sich doch nutzen lassen. Schauen wir auf die Milchpreise: der Liter Rohmilch bringt dem Bauern in Korea 842 Won (ca. 58 Cent- zum Vergleich: in Deutschland lag der Erzeugerpreis 2010 bei 30 Cent), der Verkaufspreis liegt bei 2200 Won ( 1.54 Euro). Was liegt also näher, als den Markt mit europäischen Milchprodukten zu sättigen. Ein Liter Eutersteak mit einigen "Lactobacillus bulgaricus" vermischt, das Ganze per Seefracht verschickt- bis er durch den Zoll geht, ist der äquatoriale Sonnenjoghurt fertig. Zugegeben, das klingt nicht wirklich zukunftsweisend, aber in Kombination mit einer Baugenehmigung für eine spektakuläre Downhill- Strecke am Namsan würde es interessant. Oben gibt es den linksdrehenden Sonnenjoghurt umsonst. Dafür vermiete ich unten- wenn der Joghurt im freien Fall ankommt- Fahrradschlösser zu Höchstpreisen (ich überlasse es eurer Fantasie zu ergründen, warum man unten wohl sein Fahrrad unbeobachtet lassen muss). Wahrscheinlich liegt es an der unspektakulären Platzierung, dass der Weltbankreport in Deutschland nicht mal der „Financial Times“ eine Meldung wert war, aber dafür durchkämme ich ja die hiesige Boulevardpresse nach inspirierenden Berichten. (Quellen: Weltbank , www.milchindustrie.de & Korean Times)

Sonntag, 23. Oktober 2011

Für den Müll aufkommen

Heute sind sie völlig aus dem Landschaftsbild verschwunden, doch in meiner Kindheit gab es sie noch: echte Abenteuerspielplätze mit richtiger Verletzungsgefahr anstelle von Fallschutzplatten für den verweichlichten Nachwuchs. Ich erinnere mich an die schwarzqualmenden Dauerschwelbrände, den Gestank des Brackwassers und das schiefe "Betreten verboten" Schild an der durchlöcherten Umzäunung unserer ortseigenen (sicherlich dioxinverseuchten) Müllhalde. Diese war gewiss nicht ohne Hintergedanken so angeordnet, dass der ungeliebte Nachbarort bei meist vorherrschendem Süd- Westwind sauber eingeräuchert wurde. Andere beliebte Müllabladestellen befanden sich entlang der Zufahrt zum Waldsportplatz und an Rastplätzen, bis auch diese bunten Farbtupfer mittels Bußgeldern aus der Öffentlichkeit verdrängt wurden. Hier in Korea wird der Müll nicht wöchentlich in einer dezenten Tonne am Straßenrand platziert, sondern an drei Wochentagen wild durcheinander in Plastiksäcken an der Straße gestapelt. Wer aber glaubt, dass wir als Jute statt Plastik und Pfandflaschen Völkchen die Vorreiter in der Müllvermeidung sind, den wird die folgende Statistik überraschen: pollution-municipal-waste-per-capita . Wie aber werden die Müllgebühren in Seoul erhoben? Ganz einfach, man muss die Mülltüten kaufen, somit gibt es eine eindeutige Zuordnung von Müllproduktion zu Kosten. Einfacher geht es kaum. Allerdings hatte die Einführung der kostenpflichtigen Mülltüten auch Folgen, denn Anfangs deponierten einige Schlauberger ihren Müll einfach in öffentlichen Abfallbehältern. Das führte dazu, das diese aus dem Stadtbild fast vollständig verschwunden sind- die Abfalleimer, nicht die Schlauberger!

Donnerstag, 20. Oktober 2011

Völkerverständigung


Früher war es mit der Völkerverständigung einfach: Keule raus und Schädel einschlagen. Heute ist es schwieriger, denn die Keule darf nicht ins Handgepäck. Deshalb lernen Kinder in der Schule Sprachen, außer in Amerika (da steht man wohl noch eher auf Keulen). Hier in Korea lernen die Kinder englisch und können später wählen zwischen Deutsch!, Französisch und Japanisch. Also Obacht beim lästern über die schwarzhaarige Reiseherde, die verstehen euch! Naja, Rheinhessisch können sie wahrscheinlich nicht, aber wenn demnächst hier einer „die Bach“ sagt, weiß ich, woher es kommt.

Montag, 17. Oktober 2011

Evolution

Wenn man den Höhlenzeichnungen Glauben schenkt, betätigten sich die Frauen seit Urzeiten als Sammler, während Männer auf Jagd gingen. Ein Blick in die Geldbörse einer modernen Dame zeigt, dass sich daran nichts geändert hat. Dort finden sich Kundenkarten von Drogeriemarkt, Payback, Bäcker, Apotheke, Frisör, Gärtnerei und Saftladen und erfüllen ihren Zweck zur Belebung des sonst chronisch leeren Raumes. Und so bekomme ich nebst Einkaufszettel stets die entsprechenden Karten mit Nutzungsanweisung, während ich auf der Türschwelle ums Gleichgewicht kämpfend die Schuhe anziehe. Gemäß dieser Tradition kam ich nach 7 Monaten auch in Seoul zu meiner ersten Partner- Punktekarte und bekomme nun eine Gutschrift von 0.5% für die fröhliche Vorratsdatenspeicherung unserer Konsumgewohnheiten. Es gibt allerdings eine Domäne, wo wir Männer zweifelsfrei die eifrigeren Punktesammler sind: in Flensburg!

Donnerstag, 13. Oktober 2011

Symbol der Stärke


Pinien haben ein einnehmendes Wesen. Zum Schutz vor anderen Baumarten werfen sie ihre Nadeln um den Stamm ab. Diese verhindern mit ihrem harzigen Sekret das Keimen der niedlichen Eichen- und Ahornbäumchen, die der Pinie im ausgewachsenen Zustand das Licht rauben würden. Neben derlei interessanten Erläuterungen findet der Besucher auf einer Infotafel im Botanischen Garten folgende ausufernde Prosa, deren Zeilen mehr über das koreanische Selbstverständnis aussagen, als über Pinien: „In Korea sind Pinien das Symbol für Stärke und Langlebigkeit […]. Geschwungene Linien winden sich um den Stamm und seine Zweige sind atemberaubend schön. Jeder Pinienbaum auf Mt. Namsan ist so einzigartig schön und würdevoll, dass sie den Besucher schlicht in Bann ziehen. Sie sind selbst in der Nationalhymne besungen, welche wie folgt lautet: „Ewig stehen Namsans Pinien wie eine Rüstung durch jedwedes Gewitter und Sturm als unser Symbol der Stärke.“ Sie repräsentieren den stolzen Geist des koreanischen Volkes und seiner 5000 jährigen Geschichte“. (Mehr zu Pinien in Korea gibt es hier) Solche Wortgewalt ist auch bitter nötig, damit der unwissende Besucher die zerzausten, astbrüchigen Krüppelkiefern gebührend zu würdigen lernt.

Freitag, 7. Oktober 2011

Microfasern

Ich vermute, Baseball wird mit einer heißen Kartoffel gespielt: alle tragen dick gepolsterte Lederhandschuhe, alle freuen sich, wenn die Kugel möglichst weit geschlagen wird, und sollte doch einer fangen, dann schmeißt er sie noch in der gleichen Bewegung schnellstmöglich an den nächsten weiter. Vielleicht liegt die Eile aber daran, dass die staubige Knolle so ungesund ist, denn in vier koreanischen Baseballstadien wurde der Grenzwert für Asbest im Streubelag um das 10- Fache überschritten. Da hier das Asbestverbot erst im nächsten Jahr vollständig umgesetzt sein wird, wundert es nicht, dass asbesthaltige Stoffe zwar in den Medien aufgewirbelt werden, aber auf dem Spielfeld wegen der Einnahmeausfälle bis nach der Saison liegen bleiben. Dabei ist Asbest ein natürlicher Bodenstoff, der vielfach im Tagebau gewonnen wird und seit 3000 Jahren unter anderem in Kleidung, bei der Bestattung (Römer/ Ägypter/ Inder) und beim Bau von Blockhäusern (Finnland) genutzt wurde. Die gesundheitsschädigende Wirkung wurde bereits um 1900 vermutet und ist seit Mitte des letzten Jahrhunderts bekannt. Zum Glück konsumiere ich weder Talkum in Kaugummis noch Babypuder, allerdings läuten bei mir die Alarmglocken, nachdem auch an Fahrradrahmen aus China Asbest nachgewiesen wurde. Nun mache ich mir ernsthaft Gedanken, welcher Anteil meines Microfaser Sportshirts bereits in meiner Lunge steckt. Da sehnt man sich nach der reinen Luft Kanadas, aber Kanada ist nach Russland der zweitgrößte Exporteur von Asbest, dessen weltweite Produktion im Jahr 2008 bei 2 180 000 t lag. Natürlich ist die Nutzung von Asbest in Kanada -wie in den meisten Industriestaaten- verboten und so landen die niedlichen Mineralfasern hauptsächlich in indischen Lungen. Tja, eigentlich wollte ich in Seoul die Gelegenheit nutzen, mir mal ein Baseballspiel im Stadion anzusehen, aber das verfolge ich nun lieber im Fernsehen, als atemlos auf der Tribühne. Dafür reift in mir die Erkenntnis, warum der "Catcher" immer diesen Maulkorb tragen muss: damit er die heiße Kartoffel nicht isst. (Quellen: BR-online, KR Times, Wikipedia, mbendi.com)