Man hört in den Nachrichten schlimmes über das Hochwasser und die Erdrutsche in Seoul, doch getreu dem Motto „schlechte Leit geht’s imma gut“ kann ich für unsere Familie Entwarnung geben. Innerhalb von drei Tagen haben sich 531 mm Niederschlag auf Seoul ergossen, ein Rekordwert seit beginn der Wetteraufzeichnungen 1907 /english.yonhapnews.co.kr/heaviest rain ever. Das hört sich dramatisch an und tatsächlich geht von einem solchen Dauergewitter eine gewisse Faszination aus. Vor allem die Wucht, mit der die Schauer hier innerhalb von Sekunden einsetzen, macht einen staunen. Dabei sollte der Mund allerdings geschlossen werden, um der Gefahr des Ertrinkens zu entgehen. Mich würde nicht wundern, wenn demnächst T- Shirts mit „I survived Seoul flooding 2011“ an stolz geschwellter Brust zu sehen wären- aber auf solcherlei geschmacklosen Schabernack kommt zum Glück kein normaler Mensch.
Geschichte und Geschichten! Was ihr noch nie über Korea wissen wolltet ... hier ist es. Viel Spaß dabei!
Freitag, 29. Juli 2011
Mittwoch, 27. Juli 2011
Besatzer
In dem kleinen Park vor dem heiligsten Schrein Jongmyo kann man sie Sonntags antreffen, Männer mittleren Alters die paarweise zusammen sitzen, andere allein, wartend, dass sich jemand zu ihnen gesellen möge. Sie alle brechen an diesem Sonntag Morgen aus ihrem geregelten Leben aus und geben sich ihrer Leidenschaft hin, dem Go spielen. Gut 15 bis 20 Bretter sind auf den Steinbänken ausgelegt, um sachkundig mit den abgeflachten weißen und schwarzen Steinen belegt zu werden. Zu meiner Schande muss ich gestehen, dass ich zwar die Regeln einst erklärt bekam, mir aber die Winkelzüge dieses schönen Brettspieles auch nach 30 Minuten intensiver Beobachtung nicht im Geringsten klar wurden. Genauso gut hätte ich mich auch der japanischen Führung durch den Schrein anschließen können, entschied mich aber doch für die englische Führung eine Stunde später. Und jetzt ratet mal, wer den Schrein 1592 niederbrannte? Die Japaner. Na da hätte ich doch mal gerne Mäuschen gespielt um zu sehen, wie diese Botschaft bei der Führung vorher rüberkam.
Sonntag, 24. Juli 2011
Mahlzeit!
Das Kantinenessen bei GM Korea ist kostenlos und militärisch durchorganisiert. Eine Schar Mitarbeiter füllt an vier Fließbändern die Tabletts mit der Hauptspeise und vier Warteschlangen nehmen im 5 Sekunden Takt die Tabletts entgegen. Anschließend nimmt sich jeder Kimchi, sucht sich einen Platz und schlingt wortlos das Essen hinab. Gleichermaßen ist die Abgabe geregelt, zunächst häuft man die Essensreste säuberlich vom Napftablett in die Suppenschüssel, sortiert dann das Besteck (Löffel und Stäbchen) in große Metallbehälter und reicht das Tablett einer emsigen Mitarbeiterin in einer Durchreiche. Noch schnell ein Schluck Wasser in den kleinen Metallbecher abgefüllt, geschluckt, Becher in die Tonne, Serviette gezogen, Mund gewischt und fertig. Der Spuk dauert mit Wartezeit nicht länger als 20 Minuten. Aber das Essen ist gar nicht schlecht, denn bei Reis und Kimchi kann man nicht viel falsch machen und alle anderen Geschmacksrichtungen werden gnädig mit Chili narkotisiert. Ist nur Spaß, ich übertreibe! Man muss einfach alles vermeiden, was rötlich aussieht (es sei denn es wurde vom Sehzentrum eindeutig als Tomate identifiziert), schon kann auch die europäisch kalibrierte Geschmacksknospe wieder den Matjeshering der von Ananas unterscheiden und die Nase hört auf zu joggen.
Freitag, 22. Juli 2011
Gruppenbilder
Koreaner lieben das Fotografieren. Kaum eine Gelegenheit ist schlecht genug für ein Bildchen von den zwei besten Schatzibussi-Zickenfreundinnen mit dem kameraintegrierten Induktionsherdplatten- Mobiltelefon und Sonntags trifft man überall den ambitionierten Hobbyfotografen mit dem professionellen „Dimension Sternwarte“ Objektiv. Und so kommt es wohl, dass bei jeder Führung neben dem Hinweis auf die historische Dimension – „dieser Palast wurde von den Japanern in einen Zoo verwandelt und der König ins Exil in den Palast nebenan verbannt“- auch an mindestens drei Stellen auf den besten Standort zum fotografieren hingewiesen wird. Da kann eine Führung natürlich schon mal dauern, bis auch der letzte sein Bildchen von genau dieser Position geschossen hat. Schade, dass die Sonne davon nichts weiß, sonst würde sie sich mit der Ausleuchtung wohl etwas mehr Mühe geben und sich nach den Führungszeiten richten.
Dienstag, 19. Juli 2011
Nebelbomben
Wenigstens in einer Frage herrscht Einigkeit zwischen Nord und Südkorea: Dokdo Islands - bzw. "Takeshima" (jap.) oder auch Liancourt rocks genannt gehören zu Korea! Dies ist der letzte territoriale Konflikt zwischen Korea und Japan. Japan betonte seine Ansprüche zuletzt im April 2011, und so müssen die vernebelten Felsbrocken im Nichts immer mal wieder als Pausenfüller für die Medien oder als Debattenfutter für die Nationalisten beider Seiten herhalten. Gerade jetzt ist wieder ein Streit ausgebrochen, nachdem der Jungfernflug des A380 der Korean Air die Inseln überflogen hat. Reaktion der Japaner: Regierungsbeamte sollen einen Monat lang keine Korean Air fliegen. Seoul droht mit unbestimmten Gegenmaßnahmen, sprich dem Boykott der japanischen Fluggesellschaften. Dieser Sandkastenstreit scheint das unübersehbare Indiz, dass die Parlamente dieser Welt endlich eine Sommerpause benötigen und ich bin auch reif für die Insel … aber sicher nicht auf Dokdo (dokdo-takeshima).
Freitag, 15. Juli 2011
Wohnungsübernahme
Jüngst waren wir nach einer Party mit einigen Kollegen auf dem Weg zur U-Bahn . Da bekannt ist, dass sich mein Apartment nicht weit von der Station befindet, wurden immer wieder Fragen laut, wo denn die Wohnung sei. Auf dem "Appell" Ohr bin ich normalerweise ziemlich taub (z.B. lockt eine Bemerkung wie: "Schau mal die Kette dort, ist die nicht schön" bei mir maximal ein "mmhmm" begleitet von Achselzucken, keinesfalls aber die Kreditkarte hervor) , aber nach dem dritten Knüppelschlag mit dem Zaunpfahl habe sogar ich die Botschaft verstanden und die Kollegen kurzerhand auf ein Absacker eingeladen. Kaum in der Wohnung, schwärmte die Schar aus und unterzog zunächst alle Räume einer kurzen Visite. Kann ich keinem verdenken, schließlich waren alle Türen geöffnet. Dennoch kann ich mich nicht entsinnen, dass sich bei uns Besucher ganz selbstverständlich im Schlafzimmer umsehen, als wollten sie die Wohnung mieten. Aber so ist es, wenn Mann mal ausnahmsweise auf das Appell Ohr reagiert, plötzlich hat man neben der schönen Kette auch noch die passenden Ohrringe an der Backe. Kein Wunder, dass ich da normalerweise ganz schlecht höre.
Donnerstag, 14. Juli 2011
Hackordnung
Über derart hierarchische Strukturen kann der Außenstehende nur staunen. Hier sind die zwischenmenschlichen Beziehungsebenen minuziös geregelt. So herrscht bei Geschwistern beispielsweise eine strenge Ordnung nach Alter, der jüngere spricht den älteren stets mit „älterer Bruder“ an, wohingegen der ältere den jüngeren beim Vornamen nennen darf. Alter spielt eine wesentliche Rolle bei Beziehungen und Freundschaft ist nur zwischen gleichaltrigen üblich, da ansonsten einer dem anderen übergeordnet wäre. Die Ehefrau des älteren Bruders hat in der Familie eine höhere Stellung als die Ehefrau des jüngeren Bruders was sich auch in der Ansprache manifestiert. Damit wird die Interaktion zwischen Personen höchst komplex, wenn beispielsweise ein jüngerer einen höheren Posten bekleidet und es erklärt, warum ein Fremder mit Fragen nach seinem Alter, Beruf, Geschwistern seiner Universität und sogar seinem Einkommen bombardiert wird, denn damit wird seine Stellung eingeordnet. Bizarr wird es, falls ein Mann mit einer älteren Frau verheiratet ist. Seine Freunde würden eine gleichaltrige oder jüngere Frau mit „Jüngeren Bruders Frau“ ansprechen. Ist die Frau aber älter, muss ihr entsprechend Respekt gezollt werden, doch dafür gibt es keine formale Bezeichnung und „älteren Bruders Frau“ verbietet sich, denn dies würde den Freund „erhöhen“. Zum Glück ist das bei uns alles einfacher und direkter. Zumindest bei Geschwistern macht man sich über die Ansprache weniger Gedanken. Da sagt der Ältere einfach: „Hey, bring mir mal die Zeitung!“. Und der jüngere antwortet kurz „Leck mich …“
Sonntag, 10. Juli 2011
Herstellerangaben
Herstellerangaben lassen sich oft schwer nachprüfen. Beim Versuch, den Benzinverbrauch mittels Euro- Zyklus zu verifizieren wird man bestenfalls auf Unverständnis stoßen, wenn man auf der Landstraße mit 30 km/h dahin zuckelt, unvermittelt auf Null herunter bremst um dann schrittweise unter strenger Einhaltung der Zeitintervalle aber Missachtung der roten Ampel auf 120 km/h zu beschleunigen (Jetzt wisst ihr, woher der Normverbrauch kommt). Wer würde eimerweise Wasser ins Auto schütten, um die 500 l Kofferrauminhalt zu überprüfen, nur um festzustellen, dass sich das Ladevolumen – anders als vom Hersteller angegeben- mit umgelegter Rücksitzbank keineswegs dramatisch unterscheidet? Auf der Tüte Chips stand „hot“ – das einzige Wort das ich lesen konnte- und entsprechend vorsichtig habe ich die Tüte angefasst. Was war – Zimmertemperatur! Ähnlich ist es mit Haltbarkeitsdaten bei Lebensmitteln. Neulich erstand ich eine Tüte frischer EHEC freier Sojasprossen mit Haltbarkeitsdatum des gleichen Tages und deshalb zum halben Preis. Die waren am übernächsten Tag noch frischer, als alles, was ich an frischen Sojasprossen jemals in Deutschland gesehen habe. Dafür stimmte ausnahmeweise die Bezeichnung bei den Süßkartoffeln, diese waren tatsächlich süß. Deshalb habe ich darauf verzichtet zu prüfen, ob das Reinigungsmittel wirklich nicht zum Verzehr geeignet ist. Vielleicht stimmen Herstellerangaben ja wirklich manchmal und das Datum auf meinen Sojasprossen bedeutet „verpackt am“ … Solche Probleme hat man, wenn man nichts lesen kann.
Mittwoch, 6. Juli 2011
Probleme, die ich nicht hatte
Meine Familie ist endlich da und mit ihr all die Probleme, die ich allein nie hatte. Tag 1: Auf der Fahrt vom Flughafen nach Hause erwähne ich, dass wir bald unseren spritfressenden 7 Sitzer SUV gegen einen kleineren Wagen eintauschen ... natürlich auf meinen Wunsch, denn so angenehm die Schüssel beim Überfahren kleinerer Hindernisse wie Fussgänger auch ist, so wenig passt sie zu meiner Öko- Logik. Uiiiiuiiiiuiiiuiiui ... das gab Stimmung, wie soll ich sagen, offenbar kühlte die Aircon plötzlich den Innenraum auf gefühltes Gefrierschrankniveau. Das war allerdings nicht der Grund, weshalb ca. 3 Stunden später die Sicherheitsfirma bei uns anrief. Nein, der Alarm war durch meinen ungestümen Sohn ausgelöst worden, nachdem er die Wohnungstür ohne elektrisches entriegeln von innen aufgestemmt hatte. Während die freundliche Dame nach Prüfung meiner Personalien bestäigte, dass der Alarm nun abgestellt und wieder alles in Ordnung sei, kreischte die ohrenbetäubende Sirene weiterhin durch das gesamte Treppenhaus. Doch nach Rücksprache mit einem Techniker war die Abhilfe nach weiteren aufreibenden 2 Minuten gefunden und das Treppenhaus verfiel in die gewohnte Leichenstarre. Tag 2: Die Ordnung in meinen Schränken ist Geschichte, Gewürze und Handtücher haben durch Zauberhand andere Winkel in der Küche besiedelt. Tag 3: Klagen über die harte Matraze führen nach ergebnislosem EInkaufsbummel zur Improvisation im Bettenbau. Mit zwei weiteren Steppdecken als Unterlage stehen wir ganz im Zeichen der koreanischen Tradition und erhöhen den Schlaf des ungekrönten Familienoberhauptes. Tag 4: Grandiose Neuigkeiten nach Feierabend: "Papa, wir haben Probleme mit dem Computer" (wohlgemerkt meinem). Was war passiert? - Keine Ahnung, aber in der Folge wurden alle Programme, die ich seit Inbetriebnahme auf den Rechner gespielt habe rigoros gelöscht. Kein Office, kein Norton, kein Picasa, keine e-mail Adressbücher ... einfach alles weg. Zu meinem Glück sind die Bilder noch da ... und zu meiner Freude hilft mir ja die Familie über den ärgsten Kummer hinweg!
Sonntag, 3. Juli 2011
Bitte nicht füttern
Manchmal denke ich, ich bin im Zoo. Da schlendere ich friedlich durch einen Palast, und plötzlich tauchen diese Mädels auf, fragen woher ich komme und wollen ein Foto mit mir machen. "Gut", denke ich, kein Problem, freundlich lächeln- Victory sign – say „Kimchi“, Gamshamnida (Danke) und das war's. Kaum um die nächste Ecke laufe ich in die Arme einer zweiten Gruppe, nun stehen sie bereits Schlage für ein Foto und ich denke "Nanu, verwechseln die mich mit Brad Pitt?" Aber fast alles im Leben wird früher oder später für uns Männer verständlich- außer vielleicht die Gefühlswelt der Frauen- und bald schrumpft mein aufgeblasenes Ego wieder auf Teddybärgröße zurecht. Nix Hollywood Star, Schulaufgabe! Die Mädels müssen ein Foto mit einem Ausländer in die Schule mitbringen. Würde gerne dabei sein, wenn sie merken, dass alle den gleichen Typen aufgenommen haben ...
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