Sonntag, 27. Februar 2011

Skeptiker und Fauvisten

Gestern besuchte ich den Palast Deoksugung (keine Bange, ihr braucht euch den Namen nicht merken, es gibt keinen Vokabeltest bei meiner Rückkehr) im Herzen von Seoul. 
Innerhalb des Areals befindet sich auch das Deoksugung Museum of Art, wo gerade eine Ausstellung der bedeutendsten europäischen Künstler des angehenden 20. Jahrhunderts läuft mit Werken von Picasso, Sisley,   Macke, Feininger, Kandinsky, Matisse, Derain …  das konnte ich mir nicht entgehen lassen. Nachdem ich so gute 2,5 h mit Palast und Museum zugebracht hatte, stand bereits der Rückzug auf dem Programm, als mich kurz vor dem Ausgang des Palastes ein etwa 11 jähriger Junge in gutem Englisch ansprach. Er hatte eine breite weiße Binde mit der Aufschrift „World Cultural Heritage“ über der Schulter und wollte mir den Palast zeigen. In solchen Momenten tendiert der vorsichtige Tourist zu Skepsis und der müde Palastbesucher zu Ablehnung aber eigentlich hatte ich nicht wirklich eine Wahl. So führte mich HJ Kim mit meinen brennenden Füßen in einer exklusiven Führung erneut über das Palastgelände, erklärte mir die Gebäude, deren Verwendung, den Wandschirm hinter dem Thron, den Vorplatz, die Erfindungen des verehrten Königs Sejong (aber das wird ein anderes Kapitel) und das Wappen an den Stufen zur Thronhalle, welches entgegen des sonst üblichen Phönix hier zwei Drachen zeigt.  Und außer dem Wort „Fruchtbarkeit“, das durch die Fledermaus symbolisiert ist, hatte mein kleiner Führer alles parat und ich war froh, dass ich sein Angebot nicht abgelehnt hatte. Denn er, der diese Führung auf freiwilliger Basis macht, hatte 1.5 h auf einen Touristen gewartet, dem er den Palast zeigen konnte. Aber alle waren nur an dem „Changing oft the guards“ interessiert und hatten ihm einen Korb gegeben. Manchmal treten wir- ohne es zu merken- die Menschen, die uns etwas schenken möchten mit Füßen. Also nehmt die blöden Flyer, die euch jemand in der Fußgängerzone entgegen streckt … er ist sie dann schneller los und ihr hebt euch keinen Bruch daran.

Samstag, 26. Februar 2011

Geldbörse XXXL


Noch ein kleiner Schwank aus den Annalen des Erstankömmlings: 

Ratatatatatatat ... Der Geldautomat zählt  ratternd die Scheine und öffnet seinen Schlund. Aber was ist das, habe ich mich vertippt? In dem Fach steckt ein fetter Stapel Scheine, der mindestens einem Monatsgehalt entsprechen muss. Etwas irritiert entwinde ich dem Geldautomaten beidhändig den Zentner Papier und überlege bereits, wie man eine Einzahlung vornehmen kann, doch dann vertraue ich meinen mathematischen Fähigkeiten. Denn tatsächlich entspricht der Wert eines jeden 10000 Won Scheines gerade mal 7 €. Also bleibt mir keine Wahl, als die 50 Scheine (die gerade etwas über 300 € wert sind) in mein Portemonnaie zu quetschen. Weit gefehlt wäre nun allerdings die Annahme, die Preise seien entsprechend niedrig, denn tatsächlich beträgt die Halbwertzeit eines solchen Scheines beim Stadtbummel nur wenige Minuten. Somit unterscheidet ihn eigentlich nicht viel von einem 100 € Schein, falls ich mich versehentlich in ein Fahrradgeschäft verirre.

Freitag, 25. Februar 2011

Weihnachtsbäume aussuchen


Die Weihnachtszeit ist vorüber, aber wer denkt nicht gerne an das Abenteuer zurück, zusammen mit der Gattin einen Baum auszusuchen. Klar, eine schöne Nordmanntanne muss es schon sein, immerhin bezahlt dieses Mal die Firma - und die Gelegenheit  gilt es zu nutzen. Frischauf zur Suche, erst mal sehen, was der Markt so bietet. Der erste Baum ist ganz schön, leider ist die Spitze etwas krumm. Der nächste ist gerade gewachsen, aber die Nadeln etwas spitz, das stört beim schmücken. Der dritte ist keine Nordmann sondern eine Blautanne, der vierte nicht ganz ebenmäßig gewachsen und beim nächsten sind die Zweige zu dicht ... Fünf Stunden später ist endlich einer gefunden: schön gewachsen, alle Zweige gerade, Nordmann und sogar bereits passend für den Ständer angespitzt,  aber der ist zu klein und auch günstiger, als das Budget zulässt. Vielleicht gibt es in zwei Wochen ja noch bessere Bäume. Spätestens jetzt überkommt den geduldigen Verkäufer ein Gedanke: TÖTEN! Nicht besser ging es unserem Maklerteam, dessen Geduld ganz entgegen der stereotypen Vorurteile scheinbar unbegrenzt war. Einen Riss in die Fassade hab ich aber doch geschlagen. Stellt euch einfach folgendes vor: nach drei endlosen Tagen Wohnungssuche ist alles geklärt, sogar die Möbel sind in langwierigen Diskussionen ausgesucht und farblich abgestimmt und jetzt geht es nur noch um das Detail Matratzenhärte. Und da komme ich und sage ganz unschuldig: „Und die Matratze bitte in Farbe Ahorn.“ … da entgleisten der lieben Maklerin für eine Sekunde die Gesichtszüge. Ich habe den Verdacht, der deutsche Humor kommt manchmal auf Englisch nicht gut rüber.  

Dienstag, 22. Februar 2011

Hochkultur


Mittlerweile ist es ja so: den gepflegtesten Eindruck in deutschen Fußgängerzonen hinterlassen die Katzen. Die Zweibeiner zeichnen sich durch hängende Schultern, Backen (Entschuldigung: Wangen) und Mundwinkel aus. Noch zerzauster sind nur noch die kleinen Zweibeiner, die meist trippeln oder hüpfen- nein, nicht die Kinder (hättste gedacht!), sondern die mit den Flügeln, die Tauben. Sportschuhe aus Polymergewebe sind teurer als ein von Natur aus atmungsaktiver Lederschuh und die abgetragenen, zerfransten Jeans, die ich jüngst im Altkleidercontainer versenkte, hängen nun für 119,99€ in der Auslage oder zieren zusammen mit den Sportschuhen den 55 jährigen, der gerade in laubfroschgrüner Daunenjacke an euch vorbei watschelt. Wer hier in Seoul Jogginghosen trägt, der joggt, war joggen oder wird joggen gehen und wenn hier eine Frau ohne Schminke herumläuft, dann höchstens zwischen Kopfkissen und Bad. Ich glaube, dieses Volk ist einfach noch nicht reif für ALNATURA.

Sonntag, 20. Februar 2011

Ladeinhalt


Wer kennt das Problem als regelmäßiger Großmarkteinkäufer nicht: Im Allgemeinen ist der Kofferraum eines modernen Fahrzeuges  größer als die verfügbare Tragetasche. Also muss man zu Hause den ganzen Bettel irgendwie in die Wohnung schaffen, was oft mit drei Gängen verbunden ist. Nun ist gegen drei Gänge bei einem Menü nichts zu sagen, aber beim anschaffen der Vorräte kann man gerne darauf verzichten. Die koreanische Lösung ist denkbar einfach. Sind bei uns zu Lande Packstationen mit zumeist schäbigem Geschenkpapier ausgestattet, gibt es hier Kartons in allen Größen und Formen. Der Kunde kann seine - wie immer zu groß geratenen- Wochenendeinkäufe so bequem in 25 Kartons verpacken, diese mit Klebeband luftdicht verschließen und das Ganze bis zum nächsten Wochenende ordentlich verstaut im Auto spazieren fahren. Und die Entsorgung der Kartons ist für den Einzelhandel auch kein Thema. Was haben wir? Abfallbehälter für Umverpackungen, damit die Cocktailtomaten einzeln im Kofferraum herumkullern.

Samstag, 19. Februar 2011

Geisterstunde


Die Regel ist einfach, zwischen 24:00 h und 00:00 h gehört der Gehweg den Fußgängern. Zu allen anderen Zeiten muss man ihn auch mal mit Motorradfahrern teilen können. So implizieren es die Reiseführer - Sorry, Führer sind in Deutschland out, also Reiseratgeber. In der Realität stellt sich die Situation aber als weniger gravierend heraus, denn die Motorradfahrer weichen durchaus zur Seite, wenn ihnen ein Fußgänger im Weg ist – oder lag das Ausweichmanöver an dem Laternenpfahl, hinter dem ich mich ob des nahenden Unheils mittels Ausfallschritt begeben hatte? Nun, offenbar hat noch keiner dieser Reiseratgeberautoren erlebt, wie ich mit meinem Radl durch die Fußgängerzone mache, sonst wäre auch dies in Ratgebern über Deutschland thematisiert. Kurzum, ich habe erst zwei Motorradfahrer auf dem Gehweg fahren sehen und keiner war bedeutend schneller als 20 km/h. Und was heisst das jetzt für euch? Ganz einfach: Seit zwei Wochen sind die Fußgängerzonen in Mainz und Rüsselsheim sicherer.

Mittwoch, 16. Februar 2011

Wachwechsel


Der Wachwechsel hat eine uralte Tradition und begann so etwa mit dem ersten Transatlantikflug von Charles Lindbergh. Seither kämpfen Reisende damit, die Zeiten des Wachens mit den Zeiten des Schlafens zu wechseln, profan Jet lag genannt. Während ich also noch mit dem Wachwechsel kämpfe, vollzieht sich das Schauspiel vor dem Kaiserpalast Gyeongbokgung mit Präzision und Routine. Ein Schlag auf die riesige Trommel leitet das Ereignis ein. Begleitet von Trommelwirbel marschieren die Soldaten in Doppelreihe mit langen roten, blauen und türkisgrünen Gewändern, die bunten Banner stolz gen Himmel gereckt durch ein Seitentor und formieren sich auf dem Innenhof.  Nach erneutem dreimaligem Trommelschlag schreitet der Kommandant gefolgt von der 20 Mann starken Garde durch das imposante Haupttor , um vor dem Tor die Ablösung mit bellenden Befehlen vorzunehmen. Da wird nicht lange gelabert, schließlich haben es die Jungs nach 1.5 h Kälte eilig. Vielleicht ist das auch der Grund, weshalb sich keiner der 21 (isibil) Wächter um meine Eintrittskarte kümmert, dafür ist der mausgraue im warmen Häuschen zuständig. Der ist wahrscheinlich sauer, dass  keiner Fotos von ihm macht und zerreißt deshalb missmutig mein schönes Billet.