Dienstag, 29. November 2011

Hobbylos

Auch wenn es bislang nur von den aufmerksamsten Lesern dieses Blogs erahnt werden konnte; ich würde MTB fahren als mein Hobby bezeichnen. Umso erstaunter war ich, als in einem Gespräch "drinking Alcohol and meeting with friends" spontan als Hobby genannt wurde. Dergleichen weckt natürlich meinen Forscherdrang und so befragte ich neben dem Orakel Wikipedia (schöne Liste der WHO - vielleicht haben die Koreaner mehr slawische Gene als angenommen: wiki/List_of_countries_by_alcohol_consumption) andere Kollegen nach ihren Freizeitbeschäftigungen. Da konnte ich zum Glück noch andere Wochenend-Aktivitäten zu Tage fördern: Schlafen, zur Kirche gehen, radeln, Baseball, reisen- um nur Einige zu nennen. Allerdings ist der Konsum von Alkohol hier bei den geselligen Abendessen mit Kollegen durchaus verbreitet und der harte Kern gibt es sich anschließend gern in einer ungezügelten Absackertour. Wenn ich also schon am Erlernen der koreanischen Sprache scheitere, sollte ich vielleicht als Integrationsmaßnahme wenigstens saufen lernen.

Mittwoch, 23. November 2011

Jugendschutz

Erwachsene sind schon gemein. Erst brauen Sie mittels alkoholischer Gärung wohlschmeckende Erfrischungsgetränke, entwickeln spannende Computerspiele, preisen Zigaretten mit Cowboyromantik an, kultivieren Designerdrogen, drehen Filme die weniger Geist versprühen als Gehirnmasse und dann fällt ihnen ein, dass diese Genussmittel vor der Jugend geschützt werden müssen. Aufregende Lyrik- zumindest für die hiesige Zensurbehörde- sind auch folgende Liedtexte: "Ich träume, nachdem ich betrunken in den Schlaf gesunken bin", "so dass ich dich nicht vermisse, nachdem ich getrunken habe" und "ich sollte aufhören zu trinken, weil ich betrunken bin". Diese Texte waren bis vor Kurzem in Korea als jugendgefährdend eingestuft und damit die Lieder erst ab 19 Jahren zum Konsum freigegeben. Mit dem Wissen um die Strenge der Zensur lasse ich meinen Sohn ganz beruhigt ins Kino gehen, Radio hören und im Zeitschriftenladen stöbern. Und jetzt wird mir klar, weshalb ich hier noch kein "Asterix" Heft gesehen habe: nicht die Gewaltexzesse an adipösen Römern sind das Problem, sondern das obligatorische Gelage auf der letzten Seite!

Samstag, 19. November 2011

Hochzeitsbrauch

Vor einigen Wochen erhielt ich eine Einladung zur Hochzeit eines Kollegen. Ich war gleichermaßen irritiert, da ich nur wenig Kontakt zu dem Kollegen pflege, als auch geehrt, geladen zu sein. Da war natürlich zunächst eine Recherche erforderlich, wie denn hier die Gebräuche sind, was einen erwartet und wie alles abläuft. Dabei ist alles ganz unkompliziert. Anders als bei uns braucht man sich über das Geschenk keine Gedanken zu machen, es gibt Geld. Für einen Kollegen 50.000 KRW (ca. 30 Euro) , für einen guten Freund 100.000 KRW. Auch die Übergabe ist klar geregelt, beim 24h Laden gibt es die standardisierten Umschläge. So kam ich also schick angezogen bei der "Wedding Hall" an, fuhr mit dem Aufzug in den vierten Stock, erhielt im Gegenzug für meinen Umschlag ein Kärtchen und schüttelte dem Bräutigam die Hand, während mein Geschenkbetrag in einer Kladde notiert wurde. Dann rein in den kathedralenartigen Saal, dort lief bereits eine professionelle Powerpoint Präsentation mit weichgezeichneten Hochzeitsbildern des Paares und die letzten Gäste suchten sich einen bequemen Stehplatz an den Türen. Die Show begann pünktlich mit dem Auftritt des Bräutigams, einigen warmen Worten und schließlich schwebte die Braut auf einem offenen Balkon am hinteren Ende des Raumes herab und schritt über den Laufsteg auf Gatten und Traumeister zu. Es folgte das Übliche, blabla, Kuss, Verbeugung vor den Eltern, blabla und schließlich großes Fotoschiessen. Natürlich alles ganz professionell organisiert, immer mal wieder zwischendurch die Haare und das Kleid der Braut gerichtet, Make-up überprüft, Augen trocken getupft und Schuss. Mit Paar allein, Trauzeugen, Eltern, Verwandten und schließlich Gruppenbild mit den Bekannten. Die ganze Zeit über herrschte fröhliches Geschnatter im Saal, ein Kommen und Gehen und Applaus wo angebracht. Nach dem Fototermin ging‘s zwei Stockwerke tiefer zur Cafeteria, wo die Gäste im Schnelldurchlauf versorgt wurden und ich meine Eintrittskarte auch wieder los wurde (nach deren Anzahl wird später abgerechnet). Zum Glück waren die routinierten Besucher bereits während der Zeremonie zum Essen gegangen und hatten diese per Videoübertragung verfolgt, so dass sich nicht alles am Ende drängelte. Knapp 90 Minuten nach meinem Eintreffen spie mich das Gebäude wieder aus und wahrscheinlich wird mich die Braut erst bei Betrachtung der Hochzeitsbilder bemerken, wenn sie fragt: "Wer ist denn der Typ mit dem Fahrradhelm?"

Freitag, 11. November 2011

Lass krachen!


Anfang Juli geht eine Meldung durch die Medien: aus ungeklärter Ursache beginnt ein 39 stöckiges Gebäude auf und ab zu schwingen. 300 bis 500 Menschen müssen evakuiert werden. Das Gebäude und das darin befindliche Einkaufszentrum bleibt für 2 Tage geschlossen. Wenige Wochen danach sind die Schuldigen gefunden, eine Gruppe von Freizeitsportlern mittleren Alters hatte das Gebäude offenbar bei Tae Bo Übungen im 12. Stockwerk zum Schwingen gebracht. (http://de.wikipedia.org/wiki/Tae_Bo). Den Mainzern sind solche Phänomene ebenfalls bekannt. Seit Jahren reichen sich dort Menschen fortgeschrittenen Alters in spiritistischen Sitzungen die Hände, um unter rhythmischem Einsatz der gesamten Leibesfülle die Geister der Baustatik heraufzubeschwören. Und Zufriedenheit kehrt erst ein, wenn es wieder heißt: „Un do wackelt dä Dohm“ […]. Helau!

Mittwoch, 9. November 2011

Koreanische Gedichte


In Korea versuchten die Gelehrten einst, sich mit schönen Gedichten zu überbieten, deren Reinheit und Tiefe sich in der Übersetzung allerdings nicht transportieren lassen. Das klingt etwa so:

Das Licht reflektierend auf den weitenden Buchten der Stirn über knochigen Höhlen,

die Schläfen mit grauen Striemen geziert der Eine,
der Andere mit silbernem Schopfe,
schmales Gestell über wohligen Wangen auf der Nasenspitze balancierend
saßen sie dort am Tische
mit der Handhabung der Stäbchen, kauend und in Konversation verweilend,
die stetig goldene Quelle im Glase perlend.
Gestrandet in einer Umgebung aus fremden Lauten, nicht ihr Bewusstsein streifend,
und voller Zeichen, nicht ihren Sinn offenbarend,
inmitten von glatten Gesichtern umflossen von schwarzblau seidenem Haar.
Zwei wunderliche Exoten in gelassener stiller Freude am gemeinsamen Mahle,
dankbar des Lebensstromes, ihnen bescherend eine rare Zusammenkunft in der Fremde.
Das leuchtende Blatt des Ginkobaumes trudelt still herab
bewahret seine Schönheit im Fallen

OK, daran sind wir nicht gewöhnt. Da muss man viel zwischen den Zeilen lesen. Vielleicht ist folgendes für den gemeinen Wilhelm Busch Konsumenten eingängiger:


Die Glatze am wachsen, die Schläfen ergraut,

zum Lesen die Brille, erste Falten die Haut.
So sitzen die beiden am Tischgrill und kauen
sie kämpfen mit Stäbchen, betrachten die Frauen.
Fast wie die Studenten die einst sie waren
so sitzen sie heute nach all den Jahren.
Sie fühlen sich wohl in der jetzigen Lage
erfreun sich am Leben und führen nicht Klage.
Von Eindrücken aus fernen Landen gebannt
und dankend der Firma die sie hat gesandt.
Es mundet das Bier und rinnt kühl durch die Kehle
von außen zwar älter doch jung in der Seele.

Und im Twitter-Zeitalter wäre ein Beitrag zum lyrischen Wettkampf vielleicht dieser:

"Dienstag 08. Nov. 2011: mit Michael in Mok-dong getroffen. Auch nicht jünger geworden aber ganz der Alte."

Mittwoch, 2. November 2011

Minenopfer

Die Meldung geht heute durch die Medien: Syrien hat entlang seiner Grenze zum Libanon Landminen verlegt. Ein derartiges Vorgehen ist unentschuldbar, denn die Landmine trifft noch nach Jahrzehnten wahllos Unschuldige. Während des Krieges und dem zweijährigen Ringen um den Frontverlauf entlang des 38. Breitengrades wurden nach Schätzungen 1.2 Millionen Landminen in Korea verstreut. Dieser Minengürtel verlauft heute durch zwei Provinzen, Gyeonggi und Gangwon und allein in letzterer sind 228 Minenopfer seit 1953 erfasst (51% davon tödlich). Doch die Dunkelziffer ist hoch und dürfte für Südkorea gemäß Opferverbänden bei 1000 Menschen liegen. Viele davon Männer zwischen 20 und 40 Jahren, die als Farmer in den Gebieten angesiedelt wurden, als die Regierung in den 60er & 70er Jahren der Lebensmittelverknappung entgegen wirken wollte. Wer damals in diesen Gebieten siedelte, gab dem Militär ein schriftliches Einverständnis, selbst die Verantwortung für Verletzungen zu tragen und aus Furcht vor Repressalien wagten es viele Opfer nicht, eine Kompensation für die erlittenen Verletzungen zu verlangen. Offiziell befinden sich außerhalb der DMZ keine Minen, doch die ehemaligen Kampfgebiete wurden nur unzureichend geräumt und immer wieder werden Minen durch starke Regenfälle und Erdrutsche in geräumte Gebiete getragen. Die Militärs halten diese Waffe nach wie vor für einen wirksamen Schutz vor einer Invasion. So wundert es nicht, dass Korea nicht der Konvention zum Verbot des Einsatzes von Landminen von 1997 beigetreten ist und sich damit in guter Gesellschaft mit u.a. Russland, China und den USA befindet (International campaign to ban landmines/States-Not-Party). Es steht mir nicht an, mein Gastgerberland zu kritisieren, aber ich fühle mich kein Stück sicherer, seit ich den Bodenbelag in der DMZ nun besser kenne. Dafür hat meine Motivation einen ungeahnten Schub bekommen, beim Wandern die Wege nicht zu verlassen.