Samstag, 19. November 2011

Hochzeitsbrauch

Vor einigen Wochen erhielt ich eine Einladung zur Hochzeit eines Kollegen. Ich war gleichermaßen irritiert, da ich nur wenig Kontakt zu dem Kollegen pflege, als auch geehrt, geladen zu sein. Da war natürlich zunächst eine Recherche erforderlich, wie denn hier die Gebräuche sind, was einen erwartet und wie alles abläuft. Dabei ist alles ganz unkompliziert. Anders als bei uns braucht man sich über das Geschenk keine Gedanken zu machen, es gibt Geld. Für einen Kollegen 50.000 KRW (ca. 30 Euro) , für einen guten Freund 100.000 KRW. Auch die Übergabe ist klar geregelt, beim 24h Laden gibt es die standardisierten Umschläge. So kam ich also schick angezogen bei der "Wedding Hall" an, fuhr mit dem Aufzug in den vierten Stock, erhielt im Gegenzug für meinen Umschlag ein Kärtchen und schüttelte dem Bräutigam die Hand, während mein Geschenkbetrag in einer Kladde notiert wurde. Dann rein in den kathedralenartigen Saal, dort lief bereits eine professionelle Powerpoint Präsentation mit weichgezeichneten Hochzeitsbildern des Paares und die letzten Gäste suchten sich einen bequemen Stehplatz an den Türen. Die Show begann pünktlich mit dem Auftritt des Bräutigams, einigen warmen Worten und schließlich schwebte die Braut auf einem offenen Balkon am hinteren Ende des Raumes herab und schritt über den Laufsteg auf Gatten und Traumeister zu. Es folgte das Übliche, blabla, Kuss, Verbeugung vor den Eltern, blabla und schließlich großes Fotoschiessen. Natürlich alles ganz professionell organisiert, immer mal wieder zwischendurch die Haare und das Kleid der Braut gerichtet, Make-up überprüft, Augen trocken getupft und Schuss. Mit Paar allein, Trauzeugen, Eltern, Verwandten und schließlich Gruppenbild mit den Bekannten. Die ganze Zeit über herrschte fröhliches Geschnatter im Saal, ein Kommen und Gehen und Applaus wo angebracht. Nach dem Fototermin ging‘s zwei Stockwerke tiefer zur Cafeteria, wo die Gäste im Schnelldurchlauf versorgt wurden und ich meine Eintrittskarte auch wieder los wurde (nach deren Anzahl wird später abgerechnet). Zum Glück waren die routinierten Besucher bereits während der Zeremonie zum Essen gegangen und hatten diese per Videoübertragung verfolgt, so dass sich nicht alles am Ende drängelte. Knapp 90 Minuten nach meinem Eintreffen spie mich das Gebäude wieder aus und wahrscheinlich wird mich die Braut erst bei Betrachtung der Hochzeitsbilder bemerken, wenn sie fragt: "Wer ist denn der Typ mit dem Fahrradhelm?"

2 Kommentare:

  1. Diese Story erinnert mich köstlichst an meine "Teilnahme" an einer indischen Hochzeit in Kalkutta. Ich bzw. wir war/en eigentlich auch nicht länger dabei....zig Gäste wurden auf diese Art und Weise durchgeschleust. Da unsere Gastgeber nicht unbedingt aus der wohlhabendsten Kaste stammten, empfinde ich eigentlich immer noch totales Unverständnis.
    Christina

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  2. Hi Christina, tatsächlich wird die Hochzeit über die geladenen Gäste finanziert. Je mehr kommen, desto besser. Daneben habe ich gelernt, dass "Mann" hier als 30 jähriger unter die Haube gehört, also von Mamas Tisch in die Hände der Kantinenverpflegung gegeben wird.

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