Mit kleinen, schnellen Schritten hinkt der alte
Mann durch den Gang. Die Uniformjacke hängt lose über den schmalen gebeugten
Schultern und die Augen blicken müde unter den grauen Augenbrauen. Die
schwarzen Schuhe sind ausgetreten und scheinen- wie die gesamte Kleidung- eine
Nummer zu groß zu sein für die ausgemergelte Gestalt. So, wie die gesamte
Umgebung eine Nummer zu groß erscheint, zu jung, zu schnell, zu bunt, zu
beschäftigt. Welcome to Singapore Changi Airport, dem Tor zu Kommerz, ewigem
Sommer, florierendem Handel, Science Fiction Architektur, knallbunten
Fensterläden, gemütlichen Kolonialbauten und multikulturellem Publikum. Singapur
floriert und wächst Dank der niedrigen Unternehmenssteuern und erheblicher
Förderung von Forschung und Entwicklung. Es ist die Stadt der jungen und
dynamischen. Die alte zierliche Chinesin, die mein Tablett bei einem der unzähligen
Foodstalls wegzieht, raunt mir zu „That is Singapore, always rush, rush“. Wie
so viele würde auch sie bei uns längst nicht mehr arbeiten müssen. Auch sie
sieht so aus, als hätte sie ihren Beitrag zur Gesellschaft lange genug
geleistet, doch sie kann es sich nicht leisten, zu ruhen. Wer weiß, ob es für
die Wohnung, die teure Ausbildung der Enkel oder die benötigte Medizin sein
mag. Oder zur Begleichung des Bußgeldes, dass ihr beim unerlaubten überqueren
der Straße auferlegt wurde? Essen oder trinken in der Metro schlägt mit 500 SGD
(Singapur Dollar- Kaufkraft etwa 1 Euro) zu Buche, Rad fahren in der
Fußgängerunterführung kostet 1000 SGD, Drogenschmuggel kostet das Leben. Doch
offenbar helfen die drakonischen Strafen, denn es ist sauber, sicher und
diszipliniert. In Seoul sind die Strafen weit geringer und mithin ist die
Disziplin zumindest im Straßenverkehr auch nur in Ansätzen vorhanden. Damit
Autofahrer nicht bei dunkelgelb über die Ampel fahren, wurde die Umschaltzeit
für den Querverkehr praktisch auf Null reduziert, d.h. bei Rot bekommen die
anderen sofort Grün. Doch ansonsten ist Seoul auch ohne die drastischen
Maßnahmen sauber und sicher, gewiss weil es weniger multikulturell ist und die
Koreaner ein ganz eigenes Bewusstsein für ihr Land entwickelt haben (Nein, ich kann diese These
nicht belegen, da bricht
offenbar der uneinsichtige Sarrazin in mir durch).
Zurück zum Airport. Kurz bevor wir unser
Flugzeug besteigen sehe ich den alten Mann wieder. Er hat den weiten Weg zum
Gate nun ebenfalls zurückgelegt und ruht sich auf einer der vielen Sitzgelegenheiten
aus, ehe er die verstreuten Kofferkarren einsammelt. Vielleicht werde auch ich im
Alter von 80 Jahren noch Kofferkarren durch die Gegend schieben müssen, denn wie
sollen die paar jungen uns später finanzieren. Doch ich bin selbst schuld,
schließlich hat mich keiner zur Ein-Kind Familie gezwungen- und was könnte ich
mir ohne Kind alles leisten?!
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