Sonntag, 19. August 2012

Disziplin


Mit kleinen, schnellen Schritten hinkt der alte Mann durch den Gang. Die Uniformjacke hängt lose über den schmalen gebeugten Schultern und die Augen blicken müde unter den grauen Augenbrauen. Die schwarzen Schuhe sind ausgetreten und scheinen- wie die gesamte Kleidung- eine Nummer zu groß zu sein für die ausgemergelte Gestalt. So, wie die gesamte Umgebung eine Nummer zu groß erscheint, zu jung, zu schnell, zu bunt, zu beschäftigt. Welcome to Singapore Changi Airport, dem Tor zu Kommerz, ewigem Sommer, florierendem Handel, Science Fiction Architektur, knallbunten Fensterläden, gemütlichen Kolonialbauten und multikulturellem Publikum. Singapur floriert und wächst Dank der niedrigen Unternehmenssteuern und erheblicher Förderung von Forschung und Entwicklung. Es ist die Stadt der jungen und dynamischen. Die alte zierliche Chinesin, die mein Tablett bei einem der unzähligen Foodstalls wegzieht, raunt mir zu „That is Singapore, always rush, rush“. Wie so viele würde auch sie bei uns längst nicht mehr arbeiten müssen. Auch sie sieht so aus, als hätte sie ihren Beitrag zur Gesellschaft lange genug geleistet, doch sie kann es sich nicht leisten, zu ruhen. Wer weiß, ob es für die Wohnung, die teure Ausbildung der Enkel oder die benötigte Medizin sein mag. Oder zur Begleichung des Bußgeldes, dass ihr beim unerlaubten überqueren der Straße auferlegt wurde? Essen oder trinken in der Metro schlägt mit 500 SGD (Singapur Dollar- Kaufkraft etwa 1 Euro) zu Buche, Rad fahren in der Fußgängerunterführung kostet 1000 SGD, Drogenschmuggel kostet das Leben. Doch offenbar helfen die drakonischen Strafen, denn es ist sauber, sicher und diszipliniert. In Seoul sind die Strafen weit geringer und mithin ist die Disziplin zumindest im Straßenverkehr auch nur in Ansätzen vorhanden. Damit Autofahrer nicht bei dunkelgelb über die Ampel fahren, wurde die Umschaltzeit für den Querverkehr praktisch auf Null reduziert, d.h. bei Rot bekommen die anderen sofort Grün. Doch ansonsten ist Seoul auch ohne die drastischen Maßnahmen sauber und sicher, gewiss weil es weniger multikulturell ist und die Koreaner ein ganz eigenes Bewusstsein für ihr Land entwickelt haben (Nein, ich kann diese These nicht belegen, da bricht offenbar der uneinsichtige Sarrazin in mir durch).
Zurück zum Airport. Kurz bevor wir unser Flugzeug besteigen sehe ich den alten Mann wieder. Er hat den weiten Weg zum Gate nun ebenfalls zurückgelegt und ruht sich auf einer der vielen Sitzgelegenheiten aus, ehe er die verstreuten Kofferkarren einsammelt. Vielleicht werde auch ich im Alter von 80 Jahren noch Kofferkarren durch die Gegend schieben müssen, denn wie sollen die paar jungen uns später finanzieren. Doch ich bin selbst schuld, schließlich hat mich keiner zur Ein-Kind Familie gezwungen- und was könnte ich mir ohne Kind alles leisten?!

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen