Samstag, 3. März 2012

Ohne Betäubung


Im heutigen Medienzeitalter werden wir häufig mit verstörenden Bildern konfrontiert, die über unseren Bildschirm flackern. Und wer kennt nicht das Entsetzen, wenn man nichtsahnend an ein Schaufenster tritt und unvorbereitet sein eigenes Konterfei in einem der ausgestellten Monitore im Halbprofil erspäht. Wenn man derart ungeschönt mit dem eigenen kalorienreduzierten Gesichtsausdruck konfrontiert wird, dann erwacht zuweilen der Wunsch nach einer chirurgischen Korrekturmaßnahme. Da diese im Allgemeinen mit bleibenden Veränderungen und erheblichen Kosten verbunden ist, wird der Gedanke allerdings selten in die Tat umgesetzt. Wer sich am N-Seoul Tower einige Minuten Zeit nimmt, für den gibt es die Schönheitskorrektur gegen 3.5 € fast geschenkt, ohne Schmerzen, Betäubung und Geschnippel. Dazu ist nichts weiter vonnöten, als sich einem der Porträtzeichner anzuvertrauen, dem es mit wenigen geschickten Kohlestrichen gelingt, die starken Wangenknochen zu verspachteln, die Schlitze zu Teddyaugen zu runden, die hohe Stirn mit Ersatzhaar zu schmücken und die flache Nasenspitze aufzupolstern. Derart im zarten Sepiabraun geschönt kann man sich endlich nicht allein an der faszinierenden Aussicht auf Seoul erfreuen, sondern auch wieder am eigenen Konterfei … bis zum nächsten Schaufenster zumindest. Und nun ist auch erklärt, weshalb mir Fahrradläden bedeutend sympathischer sind, als Elektronikmärkte.

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